“Ich finds cool, drei große Schaufenster zu haben”

“Durch die sorgfältige Komposition von Beiträgen aus Kultur, Gesellschaft, Spiritualität und nachhaltigen Lebenskonzepten entsteht ein hochwertig gestaltetes Magazin, das nicht nur FROH! heißt, sondern auch froh macht”. So beschreibt sich das FROH!-Magazin, ein sehr interessantes neues Medienprojekt, welches ich letzten Herbst entdeckte.

Auf der Suche nach den Machern fand ich das “motoki-Kollektiv” in Köln, eine “Gruppe von jungen Menschen”, die davon träumen, “das Leben in der Stadt mit kulturellen und sozialen Aktionen zu bereichern”. Zu diesem Zweck mieten sie ein Ladenlokal mitten in Köln-Ehrenfeld, nennen es “Wohnzimmer” und nutzen es je nach Bedarf als Café, Ausstellungsfläche, Redaktionsraum, Konzertsaal oder Büroumgebung.

bgreen bei motoki

bgreen bei motoki

Vorletzten Samstag hatte ich endlich die Gelegenheit, das Wohnzimmer und seine Leute persönlich zu besuchen – an diesem Tag genutzt als Verkaufsfläche für bgreen, einem Kölner Laden für ökologische und fair gehandelte Klamotten. Dabei traf ich auch Michael Schmidt (34), Mitgründer des Wohnzimmers und Mitherausgeber der FROH!, und durfte ihm ein paar Fragen stellen.

Stefan Vetter: Micha, was war der Auslöser für euch, so ein Wohnzimmer zu machen?

Michael Schmidt

Michael Schmidt: Also, der Auslöser eigentlich für motoki an sich war, unabhängig von der Location, dass wir  ausprobieren wollten, was es für uns heißt, Glauben in der Stadt zu leben. Wir haben gemerkt, dass es viel damit zu tun hat, was wir gut können, was wir gern haben, welche Leute wir mögen. Dann stellten wir fest, dass es gut wäre, dafür auch einen Ort zu haben, an dem wir das leben können. Für uns hatte das viel mit Kultur zu tun, mit Musik, mit Gastfreundschaft. Uns wurde schnell klar, dass wir eine Location brauchen, um das auszudrücken, einen Ort, um Leute einzuladen, und auch, um uns gegenseitig zu treffen, um Gemeinschaft zu bauen. Dann sind wir bei einem Ladenlokal gelandet und mieten das jetzt seit 2007.

S. V.: Wart ihr euch über diesen Schritt schnell einig, oder gab es sehr unterschiedliche Positionen?

M. S.: Ja, eigentlich waren wir uns da recht einig, weil wir uns schon lange in einer WG getroffen haben. Das war eher schwierig, die Leute dort hinzubekommen, in den dritten Stock… Wir haben auch schon mal Konzerte in der WG gemacht, aber das war nicht so einfach, einerseits mußten wir mit den Nachbarn immer aufpassen, andererseits ist ein Ladenlokal natürlich auch einladender und es ist leichter zu erreichen.

S. V.: Was siehst du bis jetzt als die Früchte eurer Arbeit? Was hat euch das Wohnzimmer bis jetzt gebracht?

M. S.: Ich glaube, das Besondere an unserem Wohnzimmer und unseren Veranstaltungen ist, dass viele Leute davon mitbekommen und realisieren, dass dort Christen etwas machen, mit dem sie überhaupt nicht rechnen – nämlich etwas, das mit ihrem Lebensstil zu tun hat. Viele sind da erstmal perplex und bringen das nicht zusammen, weil sie beim Thema Christen wohl nur an Kirche denken und nicht an einen Ort, wo sie gerne samstagabends hingehen würden. Für uns ist es spannend, einen Raum zu schaffen, an dem wir das verbinden. Wie kann man christliche Werte leben und einen Ausdruck dafür finden in Veranstaltungen, die positiv wahrgenommen werden? Ich glaube, das öffnet die Herzen der Leute ein wenig dafür, dass christlicher Glaube tatsächlich etwas mit ihrer Lebenskultur zu tun haben könnte. Viele haben das abgeschrieben und entdecken durch motoki vielleicht neu, dass sie das gar nicht müssen. Das ist für mich das Beste.

Ich empfinde auch als besonders, dass man eine gewisse Präsenz im Stadtteil bekommt und auch der eigene Glaube auf den Prüfstand gestellt wird. Man kann nicht das eine sagen und das andere tun, sondern man wird sehr genau beobachtet – wie man sich verhält, wie freundlich man ist. Das finde ich sehr herausfordernd. Wenn Leute fragen, was wir eigentlich glauben, was wir da machen, fange ich an, mich das auch selber zu fragen. Ich renne nicht einfach irgendjemandem hinterher oder mache etwas, weil man es immer so gemacht hat. Sondern ich reflektiere selber viel und frage mich: “Okay, was machen wir da eigentlich grade”? Das ist für mich wie ein Filter für den eigenen Glauben, die eigenen Werte, die eigene Glaubwürdigkeit, was man da eigentlich lebt. Ich finds cool, drei große Schaufenster zu haben und Leuten wortwörtlich einen Einblick zu geben.

S. V.: Inwieweit läßt sich das Konzept des Wohnzimmers auch auf andere Städte übertragen? Was braucht es dafür?

M. S.: Das ganze lebt auf jeden Fall von der Gemeinschaft. Ich glaube, es geht nicht darum, einen Ort zu schaffen, sondern es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, wo man einen Lebensstil ausprobiert. Teil dieses Lebensstiles kann so ein Ladenlokal oder irgendeine Location sein, die man eben öffnet. Ich glaube auch, dass Menschen sich nach Tiefe und überhaupt nach Werten sehnen, und dass alternative Orte, an denen das mehr mit dem Leben zu tun hat, perfekt dafür sind.

Natürlich haben Kirchen oder sakrale Orte total ihre Berechtigung. Man kann dort lernen, inspiriert werden und auch seinen Glauben feiern. Aber oft ist es nicht der Ort, wo man das diskutiert, wo man Fragen stellt, wo man vielleicht auch andere Facetten des Glaubens wie zum Beispiel Gastfreundschaft lebt.

Ich finde es total wichtig, aus einer Gemeinschaft oder aus dem Glauben heraus nach solchen Orten zu suchen und sie zu schaffen. Dazu kann man aber genauso gut in irgendein Café gehen und da was machen, oder irgendwelche andere Räume schaffen. Ich denke, es geht darum, einen Raum, seinen Lebensraum, seine eigene Welt zu öffnen, Leute mit reinzunehmen und sich auszuprobieren. Ich glaube, das ist die eigentliche Idee, die das Ganze auch zusammenhält. Wenn es die Gemeinschaft nicht gäbe, dann würde dieser Raum keinen Sinn machen, und wenn es nicht die Idee ist, einen Lebensstil zu führen, der damit zusammenhängt, dann ist es nur eine Pflicht, und das macht auch keinen Sinn. Was Spaß macht, ist, tatsächlich zu überlegen, wie kann ich ein Segen für den Stadtteil und für die Stadt sein? Das findet bei uns diesen Ausdruck, da probieren wir viel, aber es gibt natürlich auch noch andere Wege, das zu machen.

S. V.: Wie viele Leute sollten sich beteiligen, um so etwas zu machen?

M. S.: Also, wir sind zu acht gestartet, und das ist eigentlich die Untergrenze, um so ein Ladenlokal… alleine schon zu putzen (lacht). Aber auch um es zu finanzieren, braucht man einen gewissen Grundstock an Leuten, die etwas machen und auch einen Sinn drin sehen. Rein praktisch ist es einfach auch viel Arbeit. Wenn man Veranstaltungen durchführen will ohne eine gewisse Kerngruppe, die das trägt, kann es passieren, dass alle erstmal sagen “super, wir machen das”, und wenn es dann an die konkrete Planung geht, sagen auf einmal alle, “ich hab keine Zeit” und keiner fühlt sich verantwortlich. Man geht Verantwortlichkeiten ein, indem man etwas mietet und indem man es auch bespielt, und dann braucht man Leute, die das tragen. Wir haben es mit den acht gemacht, aber ich finde es ein bißchen knapp. 10 wären besser!

S. V.: Micha, vielen Dank für das Gespräch!




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